Bericht von Martin Werner
Über das Osterwochenende fand mit dem Grenke Chess Open im Kongresszentrum Karlsruhe erneut das größte Schachturnier der Welt mit diesmal rund 3600 Teilnehmern statt. Klar, dass sich bei dieser Nähe und Dimension des Events viele Bruchsaler die Chance auf spannende Partien direkt neben den Stars der Schachszene nicht entgehen ließen.
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| Blick in die Gartenhalle |
Den beeindruckendsten Start aus Bruchsaler Sicht erwischte Leon, der erneut seiner Rolle als verlässliches Orakel gerecht wurde. Hatte er vorher noch angekündigt mit 2/2 ins Turnier starten zu wollen und dabei mögliche Titelträger aus dem Weg zu räumen, kam es in den ersten beiden Runden tatsächlich genau wie vorhergesagt. In der Eröffnungsrunde spielten Leon und sein FM-Gegner eine wilde Partie, in der zwischenzeitlich alle Ergebnisse möglich waren. Doch dann wurde der Titelträger Opfer eines Phänomens, das in der ersten Runde viele Spiele ereilte: Im Glauben an eine zweite Zeitphase nach dem 40ten Zug (Zeitmodus des Turniers waren 90min total + 30Sekunden Inkrement pro Zug) ließen zahlreiche Spieler in der Schwarzwaldhalle ihre Zeit ablaufen und erlitten eine schmerzliche Niederlage.
So war die erste neue Kerbe im Holz durch Leon bereits markiert, doch auch in der zweiten Runde spielte er gegen einen FM eine nicht weniger dramatische Partie. Mit Mehrfigur hätte der Titelträger das Endspiel wohl sicher nach Hause bringen sollen, verhaspelte sich mit schwindender Zeit jedoch immer mehr und beging letztlich den finalen Fehler:
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| Tschernatsch, J - Wegmer, L | Stellung nach 55...Td2+ |
Eine ebenfalls wilde Eröffnungsrunde spielte Joscha, der direkt auf einen der in diesem Turnier nun doch sehr zahlreich vertretenen Schachstreamer traf. In einer chaotischen Partie lief Joschas König bis auf die gegnerische Grundreihe und hätte hier wohl eigentlich erledigt werden sollen, doch letztlich unterstützte dieser die entscheidende Umwandlungskombination des weißen Bauern:
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| Schmitt-Schott, J - Riemay, D | Stellung nach ...Td8 |
Mittels 1.Td4! erzwang Joscha die Umwandlung des b-Bauern. Schwarz sollte wohl 1...Txd4 2.b8D+ zulassen und mit Turm und Läufer gegen die Dame weiterspielen. In der Partie folgte hingegen 1...Tb8 2.Kc7 Txb7+ 3.Kxb7 und das Endspiel Turm gegen Läufer gewann Joscha, wenngleich auch hier nicht alles perfekt lief. Ein irrer Auftakt. Am Ende erzielte Joscha dem Erwartungswert entsprechende 2,5/7 und ließ am Ostermontag das Schachbrett zugunsten der Familie ruhen.
Ebenfalls sehr überzeugend startete Tim W. ins B-Open. Mit einem Sieg im Bruchsaler Duell gegen Linus in Runde 2 spielte er früh an den Spitzenbrettern mit. Ohne Niederlage behauptete er sich auch gegen gefährliche Jugendspieler und wandelte nach Runde 6 mit 5,5 Punkte auf den Pfaden von Joscha, der im Vorjahr mit dieser Ausgangslage am Ende das B-Open sogar gewinnen konnte!
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| Bukosky, D - Wellenreich, T | Stellung nach 22.Df5 |
Der weiße Angriff kommt nicht schnell genug und die weiße Dame steht sehr gefährdet, was Tim mit 22...e4 23.Sd4 Sxd4 24.cxd4 Td5 aufzeigte und diese eroberte. Stark!
In den Schlussrunden ergaben 2 Remis und ein weiterer Sieg insgesamt 7,5/9 für Tim, was ein wirklich herausragendes Turnier widerspiegelt. Leider reichte bei dieser Dimension des Turniers das Ergebnis nicht für einen Preis, da ganze 7 Spieler sogar noch mehr Punkte und 12 dieselbe Punktzahl erspielten. Nur möglich bei dieser enormen Teilnehmerzahl von über 1500 Spielern im B-Open.
Nach vier Runden wechselten Erik und ich vom A-Open ins Freestyle-Turnier und konnten nun die gleichen Eröffnungen wie Magnus Carlsen oder Vincent Keymer auf der Bühne ausprobieren. Mir persönlich hat dieses Format wieder sehr viel Freude bereitet, wenngleich die Ergebnisse diesmal eher dünn waren. Auch Erik hat anscheinend Spaß an dieser Schachvariante gefunden und konnte sogar im Stream von WIM Sonja Bluhm bestehen und gewinnen. Die besonderen Eröffnungsideen und Motive, die im klassischen Schach eher unüblich sind, machen beim Freestyle einen besonderen Reiz aus:
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| Werner, M - Germer, M | Stellung nach 7.Sfg3 aus Startposition Nr. 549 |
Nach nur 7 Zügen ist die Lage für Schwarz bereits sehr schwierig. Früher oder später muss schwarzes ...f5 kommen und eine strukturelles Zugeständnis in Kauf genommen werden. Ein lustiges Motiv, das bereits in der Luft liegt, jedoch für die Partie keine direkte Bedeutung hatte, zeigt sich nach 7...Sh4 8.Sh5! mit der Drohung gegen den Springer auf h4 und der Gabel nach Sf6+ gxf6 Sxf6+. Die Schönheit des Freestyle-Schachs!
Insgesamt gab es im Freestyle in diesem Turnier viele Startpositionen, die gar nicht allzu weit vom klassischen Schach entfernt waren. Beispielweise wurden in einer Runde lediglich König und Dame vertauscht und in den ersten 4 Runden wurden zwei Positionen gespielt, die lediglich gespiegelt zueinander waren. Überdurchschnittlich häufig starteten auch die Könige auf der e-Linie, sodass die Verwirrung mit der Rochade zumindest etwas gemildert war.
Während die allermeisten Spieler Freestyle mit klassischer Bedenkzeit als erfrischende Alternative und großartiges Format empfanden, muss die Umsetzung der Nullkarenzzeit in diesem Turnier wohl nochmal überdacht werden. Besonders in der Gartenhalle, in der Spieler noch auf die Ziehung der Startposition in der Schwarzwaldhalle warten mussten, waren so Spieler zwar bereits pünktlich am Brett, mussten jedoch 15 bis 20 Minuten dort verharren, bevor die Partie tatsächlich beginnen konnte. Die Angst vor Betrug sorgte auch dafür, dass viele Partien kampflos verloren gegeben wurden, wenngleich sich manche Spieler hier nur wenige Sekunden zu spät ans Brett setzten oder es tatsächlich wagten in der Wartezeit nochmal zur Toilette zu gehen. Ich sehe den Sinn dieser Regelung bei der Höhe des Preisgelds und der Bedeutung der Partien zwar ein, jedoch wäre m.E. eine Umsetzung, in der zumindest dann auch beide Spielsäle zeitgleich beginnen können (z.B. via Live-Übertragung der Ziehung in die Gartenhalle) Pflicht. Vielleicht ja ein Verbesserungsvorschlag für das kommende Jahr.
Neben dem Wiedersehen mit vielen Bekannten der Schachwelt ist mir in diesem Jahr besonders Martina mit ihrer ersten Teilnahme an diesem Turnier im C-Open in Erinnerung geblieben. Sie ging die ganze Sache als Schachurlaub genau richtig an, hatte sichtlich Spaß an den kurzweiligen Partien und nutzte die Zeit zwischen den Runden in der direkt nebenan gelegenen Therme. Ein Tipp, den man sich für die kommenden Durchgänge dieses Opens durchaus merken sollte.
Allen hier nicht erwähnten Spielern, die in diesem Turnier leider völlig unter meinem Radar geflogen sind, sei eine Entschuldigung entgegengebracht. Bei der schieren Größe der Turniere war ich froh, überhaupt den ein oder anderen bekannten Schachfreund in der Menge wiederzufinden. Insgesamt waren denke ich die wenigsten Bruchsaler mit ihrem Turnier unzufrieden und die meisten konnten die Atmosphäre dieses Mega-Events genießen. Nächstes Jahr wird eventuell sogar noch über eine Erweiterung der Kapazität auf über 4000 Spieler nachgedacht, sodass sich dann allerdings auch am Spielort etwas ändern musste. Wir bleiben gespannt auf die Entwicklung und sind sicher auch 2027 wieder mit von der Partie!





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